[Woche 6] Das Projekt läuft an

In Afrika wird es nicht kalt, oder? 
Montag

Die Woche beginnt mit einem Besuch beim Chiropraktiker. Es ist schon der zweite, Freitag hatten wir beide den ersten Termin, wir haben im Urlaub einiges einstecken müssen. Hostel Betten und das lange sitzen im Urlaub haben bei Karina zu furchtbaren Verpsannungen geführt und ich habe irgnedwas Dummes gemacht und mir den Schleimbeutel in der Hüfte entzündet. Gut, dass die Hochschule eine Klinik betreibt, in dem Studenten unter Aufischt ihre Disziplinen praktizieren. Unter anderem auch die Chiropraktiker. Für viel weniger Geld als ein normaler Therapeut wurden wir von Kopf bis Fuß untersucht und bekommen jetzt individuelle Therapie. Für Karina Nadeln in verpsannte Stellen, ich bekomme Ultraschall und Dehnungen.

Im Office haben wir dann unseren Trip nach Howick vorbereitet, forschermäßig. Kochtechnisch hatten wir Sonntag schon fünf Tüten Obst, Gemüse, Brot und weitere Lebensmittel eingekauft, damit wir auch ja nicht verhungern (Überraschung, es ist erstaunlich gut aufgegangen!). Vier Fragebögen mussten zusammengepackt werden: 1. Der Fragbogen zum Ernährungswissen, einfache Aufgaben, wie das Zuordnen von Lebensmittlen zu ihren Gruppen (Hühnchen zu Protein, Milch zu den Milchprodukten etc.) damit wir bestimmen können, wo wir ansetzen müssen; 2. der berüchtigte Food Frequency Questionnaire, oder im deutschen Verzehrhäufigkeitsfragebogen, um herauszufinden, was gegessen wird und wie gesund das wohl ist; 3. Der 24h-Recall, um zum einen sicher zu gehen, dass sich der tatsächliche Verzehr mit dem FFQ deckt und auch um eine Mahlzeitenfrequenz zu erkennen, wann wird gegessen und wo und unter welchen Umständen und vor allem was und wie viel davon; 4. Zu guter Letzt können wir so ein Programm nicht aus dem Blauen heraus erfinden, deshalb haben wir noch einen Fragebogen für die Lehrer im Gepäck, wie ihre Erwartungen sind und welche Lehrmittel sie bevorzugen. Außerdem haben wir die Food Samples eingepackt, eine Sammlung von lebensechten Lebensmittel-Nachahmungen, um Portionsgrößen deutlich zu machen. Haben sie eher so eine Portion Gemüse gegessen, oder doch nur die Hälfte? Dass sie auch anders hilfreich sein werden, war mir da noch nicht bewusst, aber dazu später mehr.

Um halb zwei ging es dann los zur Ican Academy in Durban, wo die Hüterin der Farm, Rowan, ein Meeting hatte. Vorher waren wir noch schnell bei Woolworth um den Rest der Lebensmittel einzukaufen. Woolie ist hier ein echt gutes Geschäft und hat nichts mit dem Ramschladen in Deutschland zu tun. Wer hier qualitativ hochwertiges Essen kaufen will, geht zu Wollie. Sie haben bio Lebensmittel, Vollkorn-Nudeln, echtes Brot und noch mehr fancy stuff. Milch mit Vollfett-Anteil für den Kaffee und Vollkornnudeln, frischer Salat und all sowas musste noch gekauft werden. Und ein Kühlpack, für meine Oma-Hüfte.

Leider hat das Meeting von Rowan länger gedauert als gedacht, wir mussten uns die Zeit leider mit Kaffee und Kuchen in einem süßen Kaffee in einem Wohnhaus vertreiben. Mist.

Ihr hättet Rowans Augen sehen sollen, als wir unser Essen ausgepackt haben. Carin fährt einen SUV dessen Kofferraum voll war, Rowan eien Chevrolet Spark. Und doch haben wir alles in das Auto bekommen, unsere Rucksäcke, die Fragebögen. Auf ging es nach Howick.

Rowan ist ein toller Mensch. Sie ist Krankenschwester und führt jetzt mit ihrem Mann Charles die Farm. Sie ist offenherzig und will alles wissen, so ´ne Handfeste halt.

Auf der Farm angekommen haben wir uns, obwohl es erst der zweite Beusch dort ist, direkt heimisch gefühlt. Wir waren vor unserem Urlaub schon mal da um uns alles anzusehen und es ist so schön geblieben. Die Farm liegt in Howick, in den Midlands, sehr ländlich, nicht wie die Großstadt Durban. Es ist grün und wird hauptsächlich für den Holzanbau genutzt, hier leben weniger Menschen auf mehr Raum. Also ein wenig wie Thüringen oder so., irgendwas wo wenig Menschen wohnen, halt. Aber mit Hügeln, vielen Hügeln.

Die Farm wird umrahmt von einem Fluss, alten Bäumen und kleinen Hügeln. Mguni-Kühe laufen frei rum und die kleinen Äffchen verwüsten nur manchmal das Haus. Das wunderschöne Haus, mit der tollsten Küche die ich seit langem gesehen habe. Weiße Holzfronten, Massivholz Arbeisflächen, Steinboden, einer riesigen Kücheninsel mit den bequemsten Barhockern und einem riesigen Gasofen. Ich verrate schon mal, dass das mein Lieblingsort war. Im Frühstückszimmer steht eine lange Tafel und die Spühlküche ist ein extra Raum. Genau wie das Waschzimmer. Und das Bettwäschezimmer. Überraschenderweise haben wir nur das Erdgeschoss genutzt. Das Gästebad ist größer als alle drei Badezimmer zu Hause zusammen.

Die Abende haben wir mit Kochen und anschließend auf der Couch vor dem Feuer verbracht. Auch die Morgende sind so entspannt, wenn man eine riesige Küche für sich alleine hat und Platz um Frühstück und Lunch auzubreiten.

Nur das Schlafen fällt in so einem großen Haus, mit viel Holz, mitten in der Natur. Alles macht Lärm und die Insekten, insbesndere Motten, halten nichts vor persönlichen Freiräumen.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstagmorgen

Der Morgen fing entspannt an, Platz alles auszubreiten, und da wir erst um acht Uhr losfahren, Zeit genug um zwei Tassen Kaffee zu trinken und Müsli zu essen. Dann ging es los, 20min nach Howick zur Academy.

Vor Ort wurden wir direkt ins kalte Wasser geschmissen. Ich bin mir nicht so sicher wie die „Schulleiterin“ uns findet. Ob sie froh ist, dass der Stundenplan erweitert soll oder genervt, dass wir da rumlaufen. Oder es interessiert sie vielleicht nicht.

Der Pre-Test – der Beginn der Studie

Die ersten zwei Tage haben wir damit verbracht, in jeder der fünf Klassen einen Wissensfragebogen ausfüllen zu lassen und die Verzehrshäufigkeit abzufragen. Bei dem ersten Fragebogen wollten wir verschiedene Sachen herausfinden. Kennen die Schüler die Lebensmittelgruppen? Wissen sie, dass Kartoffeln in die Stärke-Gruppe und nicht zu den Gemüsen gehören? Und warum machen wir uns die Mühe und essen unterschiedliche Sachen und nicht einfach nur was uns schmeckt? Wie bereitet man Lebensmittel zu? Und reicht es nicht, wenn wir Obst und Gemüse am Wochenende essen? Aus der Richtigkeit dieser Antworten können wir abschätzen, wo wir anfangen müssen. Muss es ein wirklich einfaches Programm werden oder können wir ins Detail gehen und uns über die verschiedenen Vitamine austauschen und den Vorteil von pfalnzlichem Eisen gegenüber tierischem erläutern?

Der Verzehrshäufigkeitsfragebogen dreht sich einzig und alleine um die Frage: „Hast du dieses Lebensmittel in den letzten 7 Tagen gegessen?“, dann liest man eine lange, lange Liste von verschiedenen Dingen vor, macht sich albern, beim Versuch uMquombothi (man klickt beim q mit der Zunge) auszusprechen und jeder der Teilnehmer muss einen Haken bei „Ja“ machen, wenn es zutrifft.

Aber ich sag’s euch, jder hat zum Thema Essen etwas zu sagen, da wir es doch alle irgendwie tun. Dementsprechend groß war zwischendurch der Diskussionsbedarf. Außerdem is ja auch spannend, wenn zwei Frauen aus Deutschland dann da stehen und verrückte Sachen fragen. Wir hatten auf jeden Fall so manches mal etwas Schwierigkeiten die Konzentration hochzuhalten. In Anbetracht, dass wir dort Unterricht halten werden, vielleicht nicht die Beste Voraussetzung. Aber man wird sehen, vielleicht kann man das Interesse an dem Thema positiv leiten und produktiv damit arbeiten. Flexibel aber positiv.

Die Nachmittage waren weniger spannend. Das Wetter war eher traurig, mit Regen und mageren 14°C war nicht viel mit spazieren und Umgebung genießen und der Berg an gesammelten Daten wollte auch gerne für die Statistik vorbereitet werden. Zu jeder Schicht in der Schule kamen dann noch zwei bis vier Stunden im Home-Office (in dem Fall drei Büro-Räume im Erdgeschoss) dazu. Aber nicht ohne vorher noch einen Kaffee getrunken zu haben und endlich den Lunch zu essen, wozu wir in der Schule wenig Gelegenheit hatten.

Excel ist nicht spannend. Punkt aus.

Das Rahmenprogramm (manche nennen das auch Freizeit)

Die Abende waren dafür umso reizender. Mit Feuer, Buch und Kuscheldecke saßen wir im Wohnzimmer des Hauses und haben das schlechte Wetter draußen ausgelacht. Vom Kochen muss ich euch nicht erzählen. Kein Rücksichtnehmen auf die Vorlieben einer Familie, nur Karina und ich in der wundertollen Küche mit jeder Menge Gemüse und anderen Leckereien wie Halloumi Käse und Pecannuss-Brot. (Es macht schon Spaß in Durban für die Napier’s zu kochen, aber ich glaube mit der vollen Öko-Breitseite kommen sie nicht so klar. Vollkornnudeln und Linsenbolognese sind für die Ungeübten Ökos aber auch hart zu verkraften.) Ansonsten kein Fernseher, kein Wein, nur die Bücher und das Feuer. Man fährt ganz schön runter.

Ach, und Pilates! Das machen wir nämlich jetzt! Das ist schonend und gut für den Muskelaufbau. Ich kann die Programme von Robin Lang nur weiterempfehlen, die 28 days Pilates Challenge und die für 30 Tage. Die Challenge ist wirklich machbar, jeden Tag fünf bis zehn Minuten zusammen mit Robin die verschiedenen Übungen machen und so wenigstens ein wenig die Kiste hochbekommen. Pilates stärkt den Rücken und den Bauch (das Powerhouse) und auch sonst alles. Für mich persönlich ersetzt es weder mein Kickboxen (was ich schmerzlich vermisse und an das ich wehmütig mit einem Tränchen im Auge denken muss) oder das Laufen (was ich immer noch nicht machen soll, Entzündeter Schleimbeutel sei dank).

Donnerstagnachmittag und Freitag
What did you eat yesterday?

Food Samples
Die Gruppenphase ist vorbei, jetzt kommt die Mensch zu Mensch Aktion! Wir wollen nicht nur wissen, was sie in den letzten 7 Tagen gegessen haben, nein, wir interessieren uns auch für gestern. Die sogenannten 24-hrs-Recalls dienen der Erfassung von verzehrten Mengen, Mahlzeitenschemas und bieten vor allem einen Einblick, was gegessen wird. Oft kreuzt man nämlich zu viel an in den Verzehrshäufigkeiten. Frei nach dem Motto: „Oh, das Esse ich gerne, ich wette ich hatte das in den letzten 7 Tagen.“ (Oder die Probanden feiern am Wochenende die krassesten Fressfeste) Ein Recall wird in Form eines Interviews durchgeführt. Man beginn mit der Frage, ob der gestrige Tag durchschnittlich war, oder ob es etwas Besonderes gab. Dann wird jede Mahlzeit einzeln durchexerziert. Wann hattest du Frühstück, was hast du gegessen, wie viel, was dazu, Butter oder Margarine auf dem Brot, weisses oder braunes Toast, wie viel getrunken, war das alles, welche marke war die Butter, sicher dass es kein Obst gab, wie viel Zucker im Tee, wie viel Milch, welche Milch, oh Pulver, welches Pulver. ALLES. Ganz einfach. ALLES. Und das möglichst strukturiert. Und jetzt verratet mir mal, wie viel Gramm eure Portion Kartoffeln gestern gewogen hat. Genau. Gut, dass wir mit einer Tasche voller Plastik-Essen ausgestatten waren und immer Fragen konnten: eher so viel, oder anders?

Und die Sprache. Herr je. Die meiste der Schüler sprechen als erste Sprache nicht Englisch, eher Zulu oder Xhosa. Karina und ich sprechen als erste Sprache nicht Englisch, wir kennen auch die ganzen traditionellen Speisen nicht, die hier gegessen werden. Werden deren Namen dann noch genuschelt hebt das den Schwierigkeitsgrad noch mal um 10 an.

Trotz der kulturellen und sprachlichen Barrieren haben wir die Interviews erstaunlich fix und trotzdem detailliert über die Bühne gebracht. Oft schien es sogar Spaß zu machen über das Essen zu sprechen. Mich hat vor allem eine junge Frau beeindruckt, die für ihre Mitschüler übersetzt hat. Sie hat schnell begriffen, was wir alles wissen müsse und unsere ungeschickten Fragen in den agemssenen Kontext, also in angemessene Lebensmittel, übersetzt. (In Deutschland würde man bei der Frage nach dem Frühstück eher nach einem Brot fragen, hier fragt man nach Porridge und so weiter.) Kleine Erinnerung: Die Schule ist für Menschen mit Behinderung!

Wir haben darüber auch ausführlich mir Rowan gesprochen. Behinderungen sind vielseitig, wer nicht spricht schreibt vielleicht lieber, wer viel erzählt kann vielleicht auch mit viel Übung kaum schreiben, auch wer in der Schule und zu Hause nicht auf seine Bedürfnisse angepasst gefördert wird, bleibt vielleicht auf der Strecke. Die Einstufung als „Behindert“ ist in Südafrika auch mit staatlicher Förderung verbunden, in einem Land, in dem es kaum soziale Absicherung gibt, kann das für eine Familie den finanziellen Unterschied machen. Hauptsache ist aber, dass das Training an der Academy dort ansetzt, Stärken und Schwächen erkennt und jeden befähigt, etwas zu leisten.

Am Ende haben wir 63 SchülerInnen interviewt. Das ist eine schöne Gruppe!

Die Lehrer

Aber was wäre eine Befragung von Schülern ohne die Lehrer. Die haben wir uns nach einem Meeting alle geschnappt, ihnen die gleichen zwei Fragebögen wie ihren Schützlingen vorgelegt und ihnen als Hausaufgabe mitgegeben, Mit dem kleinen Bonus uns einen Fragebogen über ihre Erwartungen auszufüllen. Man sollte meinen sie nehmen es ein wenig ernst, aber eins, zwei waren in letzter Minute hingekritzelt worden am Freitag. Schlechte Vorbilder.

Howick und die Midlands

Rowan hat uns einfach so ihr Auto geliehen. Damit wir auch mal was machen, nicht, dass wir uns langweilen.

Nicht, dass das mit dem Langweilen jemals zur Debatte stand, aber trotzdem haben wir uns das nicht zwei mal sagen lassen. Wir sind nach Nottingham Road gefahren, wo es ein paar kleine Läden gibt (aber keinen Kuchen!) und haben dort eine halbe Pizza gegessen. Bei Piggly Wiggly (eine andere Ansammlung von süßen kleinen Läden) gab es noch ein Stück Torte (TRAUMHAFTE Lemon Merengue) und eine Flasche Wein zum mitnehmen, denn es war Freitag und die haben wir uns verdammte Axt nochmal verdient! Also sowohl die Pizza, als auch den wunderbaren Kuchen und den Wein.
Aber was wäre ein Besuch in Howick ohne einen Besuch an dem Ort, an dem Mandela vor langer Zeit gefangen genommen wurde? Das Denkmal für diesen Ort steht mitten an einer Straße auf freiem Feld. Es zeigt das Profil des Landesvaters nur, wenn man an einem bestimmten Punkt steht. Von allen anderen Perspektiven sieht man schroffe Eisenstäbe, wie Gitterstäbe, hochragen. Beeindruckend gemachtes Monument! Leider hatte das Museum schon zu.
Auch der letzte Abend des ersten Besuchs war ruhig, wir haben einen Film geguckt, Wein getrunken und Popcorn gegessen, früh am nächsten Morgen (sagen wir früh für einen Samstag) wurden wir von James und Carin abgeholt. Sie haben uns noch den Wasserfall gezeigt und dann ging es wieder nach Durban, wo eine Menge Arbeit auf uns wartet!

Howick Waterfall

Die weissen Punkte oben am Wasserfall sind Menschen, die Wäsche waschen. Ohne Netz und doppelten Boden