[Woche 10-11] Die heiße Phase: Durchführung der Ernährungsbildung

Man nehme zwei Köchinnen/Studentinnen und eine Schule für Menschen mit intellektueller Behinderung und Landwirtschaft und lässt sie mal machen….

Lange habt ihr nichts mehr von mir gelesen, denn wir waren damit beschäftigt, Menschen in Ernährungsfragen zu schulen!!

In meinem letzten Beitrag konntet ihr lesen, wie wir an der Schule Daten gesammelt haben, um daraus einen Lehrplan für die Ernährungsbildung und Lebensmittelzubereitung zu erarbeiten. Eine Woche haben wir das Wissen der Schüler abgefragt, Verzehrshäufigkeitsfragebögen (FFQ’s) durchgepaukt und 24hrs-Recall Interviews geführt.

Bei fünf Klassen mit jeweils ca 15 Schülern macht das 225 Datensätze, die alle in SPSS eingearbeitet werden mussten. Wer schon mal mit SPSS gearbeitet hat, weiß, dass das nicht die Abkürzung für „Spass“ ist, sondern ein Programm zur statistischen Erfassung von Daten. Jedes einzelne Ergebnis muss dafür erst in eine Excel Tabelle eingetragen werden, eine richtige Antwort ist eine eins, eine falsche bekommt keinen Wert. „Food groups 1, water 1, most important 0….“ und so weiter, diktierte Karina mir die Antworten jedes Schülers. Wir hatten richtig viel SPSS.

Die Arbeit hat sich gelohnt, am Ende war klar, dass keiner so richtig eine Idee hat, was gesund ist, warum wir verschiedene Lebensmittelgruppen essen sollten und wie man seine Küche sauber hält. Wir mussten also bei Null anfangen.

Neben zahlreichen Fachartikeln und Methodenhandbüchern haben wir als Leitlinie ein ähnliches Ernährungsprogramm für Grundschüler genutzt, welches in einem anderen Forschungsprojekt am Fachbereich erarbeitet wurde. Natürlich mussten wir das Programm anpassen, da unsere Gruppe eher auf dem Bildungsniveau der Mittelstufe ist und wir sie nicht unterfordern wollten.

Statt das alte Lehrbuch aufzupeppen haben wir es praktisch neu gemacht(nun ja, das Kapitel über die Lebensmittelgruppen haben wir nur mit Infos aufgeblasen). Und ja, ich bin ziemlich stolz auf das Ergebnis, und wenn ihr schon mal mit Publisher gearbeitet habt, wisst ihr wovon ich spreche. Es war ein Akt!

Das fertige Ernährungsbildungsprogramm umfasst nun sechs Einheiten:

  • Gesundheit und Ernährung (Energiebalance, gesunde Ernährung, Gesundheitsrisiken etc.)
  • Lebensmittelgruppen und ihre Funktionen
  • Südafrikanische Richtlinien für gesundes Leben (ähnlich 10 Regeln der DGE)
  • Lebensmittelhygiene und Sicherheit
  • Nahrungszubereitung
  • Lebensmittelllagerung

Dazu gibt es ein super praktisches, interaktives Lehrbuch mit 46 Seiten und einen Unterrichtsleitfaden.

Doch was nützt all die Arbeit, wenn wir die Jungs und Mädchen nicht selber unterrichten? Eigentlich ist der Lehrplan zur Ergänzung des normalen Unterrichts in der Akademie gedacht, doch um einen Eindruck zu erhalten, woran es bei der Umsetzung hapern könnte, wollten wir erstmal selber ran.

Für zwei Wochen wurden wir also zu „Lehrern“ in unseren drei Experimentalgruppen. Zwei Klassen wurden nicht unterrichtet. Später müssen aber alle den Test wiederholen, damit wir sehen können, ob der Unterricht einen Unterschied gemacht hat. Jede Klasse sollte jeden Tag für eine Stunde unterrichtet werden, immer zu einer anderen Zeit, damit keine Klasse im Nachteil ist. (Jeder kennt das Mittagstief indem man nicht so aufmerksam ist, wie den Rest des Tages, oder?)

Leider wurde die Schulleiterin nicht von unseren Plänen unterrichtet und deshalb haben wir kein Einführungsmeeting bekommen, indem wir die Lehrer auf unser Programm vorbereiten konnten und auch mussten wir in den ersten beiden Tagen um jede Stunde ringen. Danach wurde es besser.

Der Unterricht an sich war spaßig. Die Menschen dort sind zu so viel mehr fähig, als man ihnen zutraut. In vielen Fällen sind es auch sprachliche Barrieren, die es schwer machen, Dinge zu lernen. Aber mit Hilfe der Lehrer und mit gegenseitiger Untersützung haben wir die meisten Konzepte auch ins Zulu übersetzt bekommen und hatten viel Spaß. Die Schüer sind aufgeweckt, naja meistens, und scheuen sich nicht, auch mal die gesamten Ernährugsempfehlungen anzuzweifeln. Wer soll denn auch bitte von den empfohlenen Portionen satt werden? Portionen in der größer der Handfläche? Fleisch nur einmal am Tag? Lachhaft! Wir haben auch wirklich alle Register gezogen: von interaktiver Präsentation über Poster basteln bis hin zur Demonstration war vieles dabei.

Drei Stunden waren besonders: Die Einheit zur gesunden Ernährung in der wir Gewicht und Größe jedes Studenten gemessen haben um BMI’s zu ermitteln und die Schüler sich gegenseitig angestachelt haben und zum Teil wirklich entsetzt waren, dass sie Übergewicht haben. Und doch waren alle erpicht auf die Waage zu steigen und keiner hat sich zurück gehalten. Dann kam die Demonstration zur Crosskontamination. Man nehme Händedesinfektion und mische diese mit Bastelgiltzer, man verteile diese Mischung in den Händen und Begrüße die Klasse mit Handschlag. Am Ende findet sich der Glitzer im ganzen Klassenzimmer und jeder versteht, wie einfach sich keim verbreiten.

Zu guter letzt und zum krönenden Abschluss haben wir eine Kocheinheit durchgeführt. Zu der Schule gehört ein kleiner Gemüsegarten in dem die Schüler die erlernten Anbautechniken anwenden und die gezüchteten Gemüse anschließend verkaufen. Manchmal bleibt aber ein Restbestand übrig. Um zuzeigen, wie einfach man diese Lebensmittel veredeln und für mehr Geld verkaufen kann, haben wir in der Einheit anwendbare Rezepte gezeigt. Wir haben rote Beete eingekocht und leckere Chilisauce gekocht. Andere Ideen waren das einmachen von Kohl und Karotten oder das trocknen von Kräutern.

Karina erklärt Einmachtechniken

Wie ihr auf den Fotos sehen könnt, haben wir draußen eine rudimentäre Kochgelegenheit aufgebaut, je einfacher, desto besser und desto wahrscheinlicher haben die Schüler zu Hause ähnliche Küchen. Und dann konnte losgeschnibbelt und gerieben werden. Alle Schüler hatten daran Teil und zum Schluss wurden die gekochten Sachen mit frischem Brot verkostet. Alle waren sehr beeindruckt, dass wir einfach so Brot gebacken haben…

Um diese Phase des Projekts abzuschließen mussten wir nochmal die gleiche Menge Daten sammeln. Zweite Runde Fragebögen und Interviews, nur diesmal ging es wesentlich schneller und hat nur zwei statt fünf Tage gedauert. Jetzt müssen wir nur noch sehen, was wir den Daten entnehmen…

„Food groups 1, water 1, most important 0….“